Hamsterkiste Lerngeschichte

Ruhig fließt das Wasser des Flusses dahin. Im Hintergrund sieht man eine Brücke und die Türme einer Kirche, an beiden Ufern Häuser und Wege. Ein friedliches und dennoch ungewöhnliches Bild.

Der Fluss bildet nämlich die Grenze zwischen zwei Ländern und er trennt zwei Orte, die bis vor wenigen Jahrzehnten eine einzige Stadt waren. Auf der linken Seite liegt heute die Stadt Görlitz in Deutschland. Am rechten Ufer befinden wir uns in der Stadt Zgorzelec in Polen.

Der Fluss heißt Neiße. Einige Kilometer weiter vereinigt sich dieser Fluss mit der Oder, die noch andere Nebenflüsse aufnimmt und schließlich in die Ostsee mündet.

Noch vor 75 Jahren bildeten beide Orte zusammen die deutsche Stadt Görlitz in der Provinz Schlesien. Damals tobte in Europa der 2. Weltkrieg. Am 1. September 1939 hatten deutsche Soldaten auf Befehl Adolf Hitlers Polen überfallen.

Hitler ließ englische Städte bombardieren. Deutsche Soldaten marschierten in andere europäische Länder ein. Im Juni 1941 folgte der Überfall auf die Sowjetunion, zu der die heutigen Länder Russland, Ukraine und Weißrussland gehörten. Zuerst eroberten die deutschen Truppen riesige Gebiete. Doch ab dem Januar 1943 mussten sie sich immer mehr zurückziehen.

Von englischen und amerikanischen Flugzeugen wurden nun über deutschen Städten Bomben abgeworfen. Sie brachten Tod und Zerstörung. Dabei starben nicht nur Soldaten, sondern auch Frauen, Kinder und alte Menschen. Von Osten drang die "Rote Armee" der Sowjetunion immer weiter vor.

Am Ende 2. Weltkrieg hatten mehr als 50 Millionen Menschen ihr Leben verloren. Von Deutschen waren schreckliche Verbrechen begangen worden, vor allem an Juden. Am 8. Mai 1945 war Deutschland endgültig besiegt. Das Land war zerstört und wurde von Soldaten aus den USA, England, der Sowjetunion und Frankreich besetzt. Hitler nahm sich einige Tage vor dem Ende des Krieges das Leben.

Der amerikanische Präsident Truman, der englische Premierminister Churchill und der sowjetische Diktator Stalin trafen sich im Sommer 1945 im Schloss Cecilienhof in Potsdam. Sie beschlossen, dass Deutschland alle Gebiete östlich der Flüsse Oder und Neiße abgeben musste, den größten Teil an Polen.

Davon war auch die Stadt Görlitz betroffen. Der kleinere Stadtteil im Osten war einmal durch sieben Brücken mit dem westlichen Teil verbunden. Deutsche Soldaten hatten noch am vorletzten Tag des Krieges alle Brücken zerstört. Nach der Potsdamer Konferenz mussten fast alle Deutschen, die östlich von Oder und Neiße lebten, ihre Häuser und Wohnungen verlassen, auch die Bewohner des östlichen Stadtteils von Görlitz.

Hier wurden von der polnischen Regierung vor allem Menschen aus dem östlichen Teil Polens angesiedelt, der an die Sowjetunion abgetreten werden musste. Auch einige tausend Griechen, die in den Jahren 1946 bis 1949 ihre Heimat wegen eines Bürgerkrieges verlassen und in Polen Zuflucht gesucht hatten, ließen sich hier vorübergehend nieder. Die neue Stadt erhielt den polnischen Namen Zgorzelec.

Heute hat Zgorzelec etwa 32 000 Einwohner, in der deutschen Stadt Görlitz leben ungefähr 56 000 Menschen. In beiden Städten gibt es noch viele alte Gebäude aus der langen Geschichte der Stadt Görlitz, die früher einmal sehr reich war. Viele dieser Gebäude wurden in den vergangenen Jahren restauriert. Görlitz gilt inzwischen als eine der schönsten Städte Deutschlands.

Die beiden Städte versuchen, trotz der schwierigen Geschichte ein gutes Verhältnis zu entwickeln. Bis zum Jahr 2004 gab es nur eine Brücke über die Neiße. Dann wurde die Altstadtbrücke gebaut, über die Fußgänger und Radfahrer hin und her fahren können. Polen und Deutschland gehören inzwischen zur Europäischen Union. Man kann heute von einem Land in das andere fahren, ohne einen Pass oder eine Einreiseerlaubnis vorzuzeigen.

Görlitz und Zgorzelec bezeichnen sich heute gemeinsam als "Europastadt". Sie vertrauen darauf, dass sich die Verbindungen zwischen beiden Städten in Zukunft friedlich und mit gegenseitigem Respekt entwickeln werden.

Im Hintergrund die Fußgängerbrücke und die Peter- und Paulskirche von Görlitz, rechts liegt Zgorzelec - Bild: Hamsterkiste

Die Neiße ist ein Nebenfluss der Oder - Bild: Hamsterkiste

Görlitz gilt heute wieder als eine der schönsten Städte in Deutschland - Bild: Hamsterkiste

Eines der markantesten Bauwerke in Görlitz ist der 46 m hohe "Dicke Turm" - Bild: Hamsterkiste

Das Rathaus von Görlitz erinnert an den "Sechsstädtebund", den einst die Städte Bautzen, Görlitz, Kamenz, Lauban

und Zittau bildeten. Er bestand von 1346 bis 1815. - Bild: Hamsterkiste

 Von dieser "Verkündkanzel" am Rathaus erfuhren die Einwohner von Görlitz in früher wichtige Neuigkeiten. - Bild: Hamsterkiste

 Die Portale der Bürgerhäuser erinnern an den Reichtum der Stadt, die an einer wichtigen Handelsstraße lag. - Bild: Hamsterkiste

 Von diesem Balkon aus soll der französische Kaiser Napoleon im Jahr 1813 Paraden abgenommen haben. - Bild: Hamsterkiste

 Die ehemalige Oberlausitzer Ruhmeshalle zu Ehren des deutschen Kaisers Wilhelm in Zgorzelec wird heute als Museum und Kulturhaus verwendet. Hier gibt es gelegentlich gemeinsame Sitzungen der Stadträte aus Görlitz und Zgorzelec.  Bild: Hamsterkiste

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