Kinderbibliothek - Gedichte für Kinder

Erlkönig

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht!
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif?
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

Du liebes Kind, komm geh' mit mir!
Gar schöne Spiele, spiel ich mit dir,
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,
In dürren Blättern säuselt der Wind.

Willst feiner Knabe du mit mir geh'n?
Meine Töchter sollen dich warten schön,
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.

Ich lieb dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an,
Erlkönig hat mir ein Leids getan.

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not,
In seinen Armen das Kind war tot.

Illustration von Albert Sterner - etwa 1910 (gemeinfrei)

Johann Wolfgang von Goethe hat diese Ballade im Jahr 1782 geschrieben. Vermutlich entstand die Anregung während eines Aufenthaltes in Jena. Goethe hörte, dass ein Bauer aus dem nahe gelegenen Dorf Kunitz mit seinem kranken Kind zu den Ärzten der Universität geritten sei, die dem Kind allerdings nicht mehr helfen konnten. Der Begriff "Erlkönig" ist wahrscheinlich von dem dänischen Wort "Ellerkonge" abgeleitet. Damit ist ein sagenhafter "Elfenkönig" gemeint, der in der Phantasie der Menschen durch Moore und Sümpfen streifte.

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